Single-Sonntag Teil 3

Weder mein 1000g-Fruchtzwerg, noch der Tatort finden meine Begeisterung. Der Joghurt wandert zurück in den Kühlschrank. Ich ergehe mich in lustlosem Rumgezappe. Auf einem Privatsender dürfen B- und C-Prominente sich wieder via Einblendung zu einem Thema äussern, von dem sie selbst keine Ahnung, jedoch eine Meinung haben. Im Regional-Fernsehen gibt man sich wieder wahnsinnig provinziell und ich habe noch immer Hunger.
Ein Hunger, der sich nicht mit ein paar Scheiben Käsetoast befriedigen lässt. Es ist ein spezieller Hunger, mehr noch eine Lust auf ein bestimmtes Gericht. Ich will Gyros-Pita!!! Und ich will mein Gyros-Pita auf der Straße zu mir nehmen. Ich will dem Verkehr und dem Geschlurfe meiner Mitmenschen zusehen. Ich packe Tabak, Schlüssel und Geld ein und begebe mich freiwillig nach draussen. Gleich um die Ecke gibt es ein griechisches Restaurant. Ich war noch nie da, doch da gerade die Eingangs-Beleuchtung aufwendig erneuert wurde, scheint der Laden ganz gut zu laufen und nach fünf Minuten stehe ich vorm Eingang und inspiziere die Karte. Drinnen sind zwei Tische besetzt und, laut Karte, gibt es kein Gyros-Pita. Ich betrete das Restaurant und habe gleich die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden. Unangenehm. Unangenehm wird’s erst recht, als meine Frage nach dem von mir gewünschten Gericht mit einer Aufzählung an Alternativen beantwortet wird und ich wieder gehen muss. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreiche ich die Tür und spüre, als ich den Laden verlasse, jeden einzelnen Blick in meinem Rücken.

Gyros-Pita ist in den Teilen Berlins, in denen ich mich bewege eine echte Rarität. Ich kenne nur zwei Läden, die das von mir gewünschte Fastfood auf eine von mir gewünschte Art zubereiten. Einer liegt in Kreuzberg 61, dem schicken Teil Kreuzbergs, und ist drei U-Bahn-Stationen plus einmal Umsteigen entfernt. Und der andere Laden befindet sich in Mitte am Rosenthaler Platz. Das sind zwar mehr Stationen, doch ich erspare mir die lästige Umsteigerei. Zumal der Imbiss in Kreuzberg nur sehr unzuverlässige Öffnungszeiten pflegt.
Fünf Minuten später habe ich am U-Bahnhof Schönleinstraße eine Karte gelöst und warte auf meine Bahn. Im Bahnhof ist recht viel los, also suche ich mir eine Stelle am Bahnsteig, an der sich nicht so viele Exemplare der Gattung Mensch befinden. Der einfahrende Zug ist ein Kurzzug und ich muss laufen um ihn noch zu erreichen, da ich am Bahnsteigende warte.

Im Zug erwische ich tatsächlich noch einen Sitzplatz neben einer älteren Dame mit rotem Samthut, die mit einem Textmarker emsig Stellen in der Apotheken Rundschau markiert. Am Wagenende schnattert eine Gruppe so genannter Pillen-Spanier in dem ihnen angeborenen Temperament, aufeinander ein. Pillen-Spanier sind ein Phänomen, welches seit zwei, drei Jahren vermehrt in Berlin auftritt. Die jungen, erlebnishungrigen Iberer setzen sich Freitags in einen Billig-Flug, um Abends in einen der „weltbekannten“ Berliner Clubs zu gehen. Dort werfen sie dann alles ein, dessen sie habhaft werden und nach erfolgreichem Club-Marathon erkunden sie, reichlich berauscht die Stadt, bis ihr Rückflug sie zurück auf ihre Halbinsel bringt.
Am Rosenthaler Platz angekommen, traue ich meinen Augen kaum. Die von mir bevorzugte Pita-Bude existiert nicht mehr. Auch der Country-Türke ist verschwunden. Der County-Türke war ein Imbisswagen, in dem immer (in Worten: immer!) Johnny Cash zu hören war. An Stelle dieser bemerkenswerten, kleinen Freßbetriebe war eine hässliche Baulücke gerückt. Schrecklich!
Ich habe Hunger und bin in Mitte. Wo, bitte, krieg ich hier was leckeres zu Essen her? Ich bin hier nur sehr selten. Gegenüber ist ein Glutamat-Chinese. Will ich nicht! Ich gehe ein Stück die Brunnenstraße herunter bis ich zu einem türkischen Imbiss komme. Die gibt’s in Neukölln zwar zuhauf und sicher besser, doch ich muss/will jetzt essen!
Drinnen sitzen ein paar Eingeborene und starren in ihre Kindl-Flaschen. Ich nehme an der Theke Platz, freue mich über den Blick auf die Straße und bestelle eine Portion käsegefüllte Teigröllchen. Der Becher Ayran dazu wird mir verweigert weil es nicht schmeckt, und bekomme stattdessen ein Glas Tee. Ich habe keine Lust, mich zu wehren und nehme den Tee, ob der Kälte, dankbar an. Die Eingeborenen sprechen über den FC Union Berlin, Konzentrationslager und darüber, dass das zu DDR-Zeiten nicht so war. Einer meint „Die sollte man alle anne Eier uffhängen!“ und droht dem türkischen Wirt „Wenn dit hier ma wieda anders wird, erschiess ick dir als ersten!“. Der Wirt lacht und stellt seinem zukünftigen Möchtegern-Peiniger noch einen halben Liter Kindl hin.

Direkt gegenüber ist das Haus Nr. 183. Bis vor Kurzem war es noch besetzt und bildete einen bunten Flecken in diesem durchgentrifizerten Teil der Stadt. Der neue Besitzer hat das Haus vor kurzer Zeit mit riesigem Polizeiaufgebot räumen lassen. Angeblich hat sein eigener Sohn in dem Haus gewohnt. Nun ist das Haus leer, die Fenster sind entfernt worden um einer Re-Besetzung vorzubeugen. Wo man sich einst politisch gab und die Welt etwas verändern wollte, glotzen jetzt dunkle Höhlen auf die Straße hinab und schlucken Regen und Schnee. Meine Teigröllchen wurden in der Mikrowelle erwärmt und benehmen sich dementsprechend lappig, schmecken aber gut.

Ich überlege, noch etwas herum zu laufen, blicke aber auf das geräumte Haus, werde ein Wenig traurig (auch ich hatte mich früher mal als Hausbesetzer versucht) und schlendere wieder zur Bahn. Unterwegs passiert zum Glück mal nichts. Nichtmal Neukölln-Ben Hur lässt sich durch die Straßen zerren. Nur der Haufen vor meiner Tür ist ein Beweis seiner Existenz. Irgendwer hat mir auf dem Anrufbeantworter keine Nachricht hinterlassen. Im Moment interessiert mich nicht wer… Ich nehme irgend ein Buch aus dem Regal und lege mich damit ins Bett. Morgen ist Montag.

(Teil 1) (Teil 2) (Oel in die Flammen)

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    • Murkes
    • 21. Dezember 2009

    Aber zumindest hat mir Deine Sonntagstrilogie einen entscheidenden Teil meines Montag abends versüßt.
    Danke, weiterschreiben.

  1. 7. Januar 2010
  2. 24. September 2010

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