Der Engländer & Das Wetter

Gestern saß ich hier in einem wahren Blog-Rausch. Sieben Beiträge habe ich gestern gepostet. Heute sitze ich hier vorm blanken Bildschirm und warte auf die Eingebung, lese Online-Zeitungen, Blogs und das Buch in meinem Badezimmer. Nur die Muse, die mag mich heute offenbar nicht küssen.
Ich könnte es wie der Engländer machen und übers Wetter reden. „Der Engländer„! Ich finde es ja schon recht lustig, wenn ein ganzes Volk, sprachtechnisch, auf eine einzige Person runter reduziert wird. Quasi den Durchschnitts-Engländer bildet. Das wäre schon optisch recht drollig. Man stelle sich einfach nur eine Mischung aus Prince Charles, Wayne Rooney, Paul Gascoigne und Twiggy vor. Oder, um von der oberflächlichen Optik ins oberflächliche Klischee zu wechseln, kreuzen wir doch einfach mal den spohisticated Englishman á la John Steed mit einem betrunkenen Kneipenschläger aus greater Manchester und einem uralten Schäfer aus dem Peak District…
Ich muss zugeben, mit keiner der beiden Mensch-Mixturen auch nur ein Halfpint gemeinsam trinken zu wollen. Also, bitte, liebe Autoren, die ihr gerade an Reiseführern oder Betrachtungen eines Volkes schreibt, meidet diese Formulierung. Ausnahmen bilden in diesem Fall Einheimische, die über ihre Landsleute schreiben, Harry Rowohlt, wenn er über den Iren schreibt und Wiglaf Droste, wenn er sich mal wieder den Berliner vornimmt.

Ich weiche ab. Ich wollte übers Wetter schreiben. Wetter ist zurzeit ein ganz großes Thema. Der Spiegel fragte bereits „Können wir Winter?“ und ich nehme mir heraus zu antworten: Nö! Können wir nicht! Was für ein Gejammer und Wehklagen ausbricht, wenn, wie in diesem Jahr, mal wieder Winter stattfindet! Aktuell sind’s in Berlin -7° C. Das bedeutet, man möge sich warm anziehen. Stiefel mit Profil, Jeans, T-Shirt, Rollkragenpullover, Parka, Mützeschalhandschuhe, und schon ist man für diese normale Wintertemperatur gewappnet. Wenig Sexy, aber warm! Dem neuköllner Spacken, der versucht seinen BMW mit Hinterradantrieb und Breitreifen in einem Haufen Schnee zu parken, sei gesagt, dass das nicht funktioniert. Trotzdem musste ich vier mal um den Block fahren, bis auch Herr Breitreifen das begriffen hatte und den einzig vakanten Parkplatz freigab.
Auch das Schneeräumen scheint ein riesiges Problem darzustellen. Als noch vor einer Woche die Bürgersteige mit festgetretenem Schnee bedeckt waren, war alles problemlos. Man lief darauf, wie im Spülsaum am Strand. Nun begab es sich aber, dass wir zwei Tage lang Tauwetter hatten, auf welches wieder Minustemperaturen folgten. Nun sind die Gehwege bedeckt mit einem welligen Eispanzer, auf dem sogar ich, mit meinen profilbewehrten Bikerboots, laufe wie auf Eiern.
Erst gestern durfte ich einem selten dämlichen Tropf einen Krankenwagen rufen, weil er meinte auf dem Mist auch noch joggen zu müssen, sich folgerichtig auf die Fresse legte und sich dabei einen Unterarm brach. So, zumindest, meine Sofort-Diagnose. Da es wenig schicklich ist, sich an Verletzten zu vergehen, widerstand ich dem Wunsch, ihm für seine Dummheit auch noch den Hintern zu versohlen.

Das morgendliche Schneeschaufel-Gekratze, welches die Kollegin kk jeden Morgen unsanft weckt, fällt hier glücklicherweise aus. Mein Hausmeister ist dermaßen lädiert und versoffen, dass er es,seit über einem halben Jahr,  nicht einmal schafft, defekte Glühlampen im Treppenhaus zu ersetzen. Irgendwann Mittags, kommt dann einer seiner Saufkumpanen, mit denen er im Sommer ab zehn Uhr im kleinen Park gegenüber zecht, in den Hof geschlurft und erledigt den Job. Eventuelle Dachlawinen-Einschlagstellen werden notdürftig mit rotweissem Flatterband abgesperrt.

Der Engländer hingegen, ist ja als kälteresistent bekannt. Hierzu ein Originalzitat meines Freundes Carl aus London: „Everything over five degrees is warm!“. Sprach’s, zog bei 5°C ein T-Shirt und eine leichte Jacke an und zog los, um Fritten zu holen. Diese liess er sich, very british, mit Ketchup, Mayonnaise, Senf und Gurkenscheibchen verfeinern, da dem Engländer knusprige Fritten zuwider sind. Glücklicherweise landete er in einem holländischen Imbiss, wo man für derartige Ertränkungen knuspriger Fritten das nötige Verständnis aufbrachte. Auch hierzu ein Zitat: „What’s the point in having crunchy chips?? If you like it crunchy, eat crisps, you twat!“ Für diejenigen, die der englischen Sprache nicht wirklich mächtig sind: Chips sind Fritten. Crisps sind Chips. Alles klar?
Aber Kälte juckt den Engländer herzlich wenig. In Sheffield durfte ich vorletztes Jahr, in einer kalten Nacht, Teilnehmerinnen einer Hen-Night (Hühner-Nacht, ein Junggesellinnen-Abschied. Bei den Herren heisst es Stag-Night, Hirsch-Nacht) beobachten, die auf waffenscheinpflichtigen Absätzen, mit ebenso waffenscheinpflichtig kurzen Röcken, sturzbetrunken, bei gefühlten 2°C durch die Strassen quiekten. Vor ca. einer Woche sah ich im TV den Engländer fröhlich beim Langlauf auf dem Piccadilly Circus. Dabei stellte er sich zwar so geschickt an, wie Eddy „The Eagle“ Edwards beim Skifliegen, aber er war bester Dinge.

Ich mag den Engländer sehr gerne. Und ich mag auch den Winter sehr gerne. Ein guter Grund im Bett zu bleiben und fernzusehen oder sich zu freuen, wenn man ein beheiztes Ziel erreicht um dort ein Heissgetränk mit Hochprozentigem zu sich zu nehmen. Obendrein bleibt einem der Anblick ungepflegter Männerfüße in abscheulichen Survival-Sandalen, sowie der Anblick unschöner Damenwampen in zu knapper Bekleidung erspart. Ausserdem ist der Winter Eintopfzeit. Ich mag Eintöpfe und kann mittlerweile recht respektable Eintöpfe selber zusammenbrauen. Manchmal bin ich mir nicht einmal zu schade, einen Dosen-Eintopf mittels gefrorenen Kräutern und der einen oder anderen Extrawurst zu frisieren. Auch das kann sehr lecker sein und wappnet den Esser für die Kälte da draussen.

(Eddy direkt) (Oel in die Flammen)

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  1. 24. Februar 2010

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