Sechs Jahre Neukölln

Seit 6 Jahren und 22 Tagen lebe ich nun in Neukölln. In Nord-Neukölln. Zwischen Sonnenallee und Maybachufer.  Die beiden großen Stadtmagazine, die meinen, jedem noch so behämmertem Trend, ein Forum geben zu müssen haben diesen Kiez Kreuzkölln getauft, weil er in zwei Richtungen an Kreuzberg grenzt und „so gar nicht zu Neukölln passen will“. Man versucht sich kritisch zu geben. Doch mit jedem Wort, das in diesen Blättern über das Thema verloren wird, wird es hier immer schlimmer. Immer wieder werden Kreative, Gastronomen, Designer und Künstler erwähnt und über den grünen Klee gelobt, die, ach so mutig sind, sich hier nieder zu lassen.

Was soll denn daran bitte mutig sein, aus rein wirtschaftlichen Gründen billige Räume in der Nähe Kreuzbergs zu suchen und zu hoffen, dass sich ein paar Kreuzberg-Touristen verlaufen und dabei über die Bezirks-Grenze stolpern? Ich bin hier bestimmt nicht her gezogen um zu gentrifizieren. Zufällig lag hier die einzige Wohnung, die ich mir leisten konnte. Und ich hätte heulen können, als am 3. Januar 2003 Kartons und Mobiliar mit Hilfe von Freunden in den vierten Stock geschleppt waren und ich nun alleine in einer von Sperrmüll, Hundescheisse, Alkis und aggressiven HipHop-Löffeln gesäumten Straße saß. Ich musste nun lernen hier zu leben. Und das war, nach argen Schwierigkeiten und Ängsten am Anfang, gar nicht mal so schwer, wie ich befürchtet hatte. Ich war umzingelt von Discount-Supermärkten, die mir ein günstiges Leben ermöglichten. Es gab einen türkischen Gemüseladen-Kiosk, wo ich auch abends noch einkaufen konnte. Es gab zahllose Eckkneiben, in denen ich für wenig Geld ein Schultheiss trinken konnte. Und es dauerte nur zehn Minuten, um zu Fuß auf die Wiener Straße zu kommen, wo sich noch immer nette Bars, Kneipen und ein Club an einander reihen.

Mindestens zwei Jahre lang habe ich meinen Kiez nur zum Wohnen und Ernähren betreten. Freizeit in Neukölln verbringen??? Undenkbar! Lediglich die Ankerklause, mit dem grundsätzlich schal gezapften Bier, und das Kinski, der Kulturverein mit den komischen Tapeten waren Orte, an denen man sich mal aufhalten konnte.

Nun schiesst hier eine Bar nach der anderen aus dem Boden, von denen mir auch nur zwei gefallen, der Gemüseladen-Kiosk ist einem Restaurant mit Tageskarte und Nichtrauchern gewichen. Wo einst die herrlich prollige Kiez Destille war, gibt es nun Möhrencreme, Apfel-Kürbis-Suppe und widerliche, aber hippe Biere aus Süddeutschland oder Tschechien. Jogginghosen und Schlappen sind Röhrenjeans und teuren Sneakern gewichen. Statt Pidgin-Deutsch und Berlinerisch wird englisch und spanisch gesprochen.

Mittlerweile gibt es mehr „mutige“ Betreiber hipper Kneipen und Bars, als hier potentielle Gäste vorhanden sind. Dem entsprechend sitzt in einer der neuen Bars meist nur ein gelangweilter Möchtegern-Wirt im hastig hin gerotzten Interieur herum, hält sich für kulturell wertvoll und starrt, kommentiert von einem einzigen Gast auf seinen Laptop .

Ich hoffe inständig, dass die restlichen Alteingesessenen (zu denen ich mich nicht zähle) zu stur sind, ihre Wohnungen und Ladenlokale dem Kreativ-Infarkt zu überlassen. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Sander Stübl. Eine alte Eckkneipe mit schäbig-neuköllnischer Einrichtung, einem kleinen Saal und Schultheiss für einsneunzig. Die sind so pfiffig, ihren Saal ab und zu mal an eines der kreativen Arschlöcher für eine Veranstaltung zu vermieten, ihren Bierpreis dann aber kackfrech auf drei Euro hoch zu schrauben. „Nee! Anders jeht dit nich. Da muss ick doch ’ne zweete Bedienung bezahlen!“ Dass sich auf derartigen Veranstaltungen mitunter zweihundert Gäste drängen, wird tapfer ignoriert.

Nun las ich gerade diesen Artikel von Philip Meinhold in der Online-Ausgabe der taz. Es geht dort, wie hier um die Gentrifizierung Nord-Neuköllns. Unter anderem schreibt er:

„Denn mit den Szenebezirken verhält es sich in Berlin wie mit dem Raubbau: Wenn eine Gegend erschlossen und ausgenommen ist, zieht die Karawane der Künstler und Kreativen weiter, bis auch der nächste Kiez mit Cafés, Clubs, Kneipen und Hostels planiert ist und statt Einheimischer nur noch Prolls und Touristen kommen. Nach Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain wird nun also der nächste Berliner Stadtteil unbewohnbar gemacht.

Vor allem im – wegen seiner Nähe zu Kreuzberg – Kreuzkölln genannten hippen Norden des Bezirks schießen Bars und Kneipen aus dem Boden wie Pilze, die in dieser Gegend bis dato nur die feuchten Fassaden der Häuser bedeckten. Wohnzimmerartige Wirtshäuser mit Namen wie Ringo und Kinski, in denen Designer, Musiker und Studenten auf Sofas und an Couchtischen lümmeln und einen Schund zusammenreden, dass einem die Ohren schlackern.“

Das ist bestimmt nicht falsch, was er da schreibt. Nur, das Kinski, das gibt’s schon viel länger hier als auch nur eine Ahnung von Hipness. Schlimmer sind die Leser-Kommentare. Da schreibt einer, der sich Albert Schnitzel nennt, klassenbewussten, latent-rassistischen Dünnschiss wie „Andere Städte wären glücklich wenn sie soviele Touristen anziehen könnten. Aber ist klar – die machen Maik, Murat und den Leuten denen sie auf die Fresse geben das schöne, authentische Kiez kaputt.“

Jemand, die sich „eine Schwäbin“ nennt, schreibt „Wenn es wirklich so schlimm ist, zieht in ein Dorf im Osten – da ist eure ersehnte Armut bestimmt noch erhalten. Und tschüs.“

Und genau das passiert dann: Albert Schnitzel und eine Schwäbin ziehen nach Neukölln, pflegen munter ihre Vorurteile gegen Maik, Murat und die hier verbreitete Armut, und denken tatsächlich, mit der Anwesenheit ihrer nicht prekären Hintern wird der Stadtteil aufgewertet.
Das Dumme ist nur, der Stadtteil mag aufgewertet werden. Durch Schnitzel’s und Schwäbin’s Anwesenheit sinkt tatsächlich die Arbeitslosenquote. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, die Menschen in Neukölln aus der Hölle des Prekariats zu holen, nicht sie durch Schwäbinnen und Schnitzel mit Einkommen zu ersetzen. Ich bitte hiermit herzlich um Verbreiterung des schwäbischen Horizontes und einen Blick über den Rand des Schnitzel-Tellers hinaus!

Ich werde mich natürlich rege an der taz-Diskussion beteiligen. Vielleich mögt ihr ja auch… Ich muss allerdings warnen: Die taz-Diskussionen werden redaktionell betreut und es dauert mitunter Ewigkeiten, bis der/die/das zuständige RedakteurIn den Kommentar freigeschaltet hat. Das macht die Diskussionen alles andere als knackig. Ab 17:00 Uhr passiert meist gar nichts mehr, denn der/die/das zuständige RedakteurIn macht pünktlich Feierabend.

(Invasion in der taz) (Oel in die Flammen)

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  1. Beim vierten Absatz hat es angefangen – mein zustimmendes Nicken – und erst mit dem Ende des vorletzten Absatzes wieder aufgehört :-)

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