In Abgründe blicken: Chatroulette

Ein ganz neues Spielzeug ist in der Netzwelt aufgetaucht. Sein Name ist Chatroulette.

Dabei wird man völlig wahllos via Kamera und Mikrofon mit wildfremden Menschen rund um den Globus verbunden. Gefällt einem die aktuelle Verbindung nicht, und das passiert oft, doch dazu später mehr, klickt man einfach auf die Weiter-Taste und darf sich dem nächsten Chat-Partner widmen. Zu längeren Verbindungen oder gar Gesprächen kommt es kaum. Entweder drückt man selbst auf „weiter“, oder das Gegenüber ist nicht wirklich einverstanden und klickt einen nach Sonstwo.

Das geht alles rasant schnell. Man zappt sich quasi durch die Wohnzimmer oder Wasauchimmer der Welt und erhält nur ganz kurze Einblicke in das, teilweise erschreckende Leben der anderen. So lag zum Beispiel ein Mensch (Geschlecht war nicht zu erkennen) ganz in Latex, inklusive Maske, gefesselt auf einem Bett und nahm Befehle von mir entgegen. Mein Befehl war lediglich „Move!“, worauf das gefesselte Etwas sich zu winden begann. Nach nichtmal einer Minute war mir das dann doch etwas zu strange und ich klickte weiter. Ein Paar mit Dreadlocks vögelte munter auf einem Bett. Ich gestehe, dass ich nicht gleich weiter geklickt habe, doch nach zwei Minuten war ich offenbar ein zu langweiliger Voyeur und wurde seitens der Korpulierenden weiter geschickt.

Eine Horde grölender Flegel, Typ Highschool-Chaoten brüllten Obszönitäten in ihr Mikrofon und prosteten mir mit Dosenbier zu. Ich hatte nichts zum Zurückprosten und hatte auch keine Lust auf das Gebrüll und zappte weiter. Ein älterer Herr starrte mich an. Ich sagt freundlich „Hello!“ und der Herr starrte weiter. Ich tippte ein freundliches „Hello“ in den Chat und der Herr starrte weiter. Ich hingegen, klickte „Weiter“, worauf mir irgend ein Lustmolch seinen halb erigierten Penis vor die Kamera hielt und tüchtig zu wichsen begann. Ich musste lauthals loslachen und wurde zu zwei jungen, gackernden Asiatinnen geschickt, die völlig unverständliches zeug quiekten und mich weiter schickten.

Ich habe mir dieses „Spiel“ circa zehn Minuten lang gegeben und musste in der Zeit mindestens fünfzehn Typen beim Wichsen zusehen. Die klickten, offenbar in Erwartung weiblicher Zuschauer, gleich weiter doch mir gehen nun diese Bilder von halbsteiffen Pimmeln vor minderwertigen Kameras nicht mehr aus dem Kopf. Was, bitte, treibt so viele meiner Geschlechts genossen dazu, wildfremden Leuten ihre Schwänze unter die Nase zu halten? Circa neunzig Prozent der hergestellten Kontakte waren Männer. Ist dieses Chatroulette am Ende nur ein gigantischer, internationaler Schwanzvergleich? Warum machen nur Männer sowas? Keine einzige Frau hat ihre Brüste oder ihren Hintern in die Kamera gehalten. Es gab lediglich das Standbild einer Professionellen, die auf diesem Weg für ihren Cam-Service warb.

Das einzig nette Erlebnis war eine junge Amerikanerin (schätze ich mal..) die meinen Emo-Style (???) „gorgeous“ fand und enttäuscht weiter klickte, als ich gestand, dass meine selbst gedrehte Zigarette kein Weed enthält.

Fazit: Viele meiner Geschlechtsgenossen sind exhibitionistische Wildsäue, soviel steht fest! Trotzdem ist Chatroulette mal wieder ein hochinteressantes Sozioquarium, in welchem man sonderbare Einblicke in die Microversen der Mitmenschen erhält. Und ich musste, den ganzen Schwänzen zum Trotz, doch die meiste Zeit über sehr lachen.

(via Nerdcore) (Chatroulette)

Nachtrag: Spiegel Online hat sich auch des Themas in einem sehr treffenden Artikel angenommen.

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  1. 10. Februar 2010
  2. 25. Februar 2010

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