Freitag – Alkohol

Ich hatte mich schon den ganzen Tag um alles mögliche gekümmert, nur nicht um mich. Ich hatte Briketts für eine Freundin gekauft und geschleppt, und einem Freund beim Eishacken und Schloßeinbau geholfen. Für den Abend hatte ich ein DJ-Set in der Lieblingsbar organisiert, also musste ich noch Plattenspieler und Mixer aufbauen und verkabeln.

Eigentlich hätte ich nach Hause gehen sollen. Ich hatte nichts anständiges gefrühstückt und mittlerweile war es schon neunzehn Uhr. Freund C. wollte die Dame abholen, die an dem Abend auflegen sollte und wollte anschliessend in einer Pizzeria den Geburtstag eines Bekannten feiern. Da Pizza schon immer ein gutes Frühstück ergab, beschloss ich mit nach Friedrichshain zu fahren.

Unterwegs erreichte mich eine SMS von Freund D. Er wollte seinen Geburtstag kurzfristig in einer Bar in Friedrichshain begießen. Meine Gedanken nutzten die Form meines Kopfes und änderten die Richtung. Eine Viertelstunde später saß ich an der Bar Habermeyer in Erwartung des Geburtstagkindes. Ein Blick aufs Taschentelefon verriet mir, dass ich mich in der Zeit vertan hatte und anderthalb Stunden zu früh war. Na toll!

Zum Glück kenne ich den Wirt der Bar ein wenig und ich konnte mir die Zeit nicht nur mit Bier und Vodka, sondern auch mit etwas Geplauder verkürzen. Nach vierzig Minuten begab sich Herr Wirt dann in den Feierabend und ich musste mich wieder intensiver meinen Getränken widmen.

Der DJ des Abends rückte ein. So ein Rockabilly-Typ, von den Handgelenken bis zum Hals tätowiert, pomadisierte Haare, aufgekrempelte Jeans. Wie nicht anders zu erwarten, spielte er Singles aus einer Zeit, in der ich bestimmt nicht hätte leben wollen. Mir sind diese Rockabillys ja nicht wirklich geheuer. In meinen Augen pflegen die eine verstaubte Kultur aus Zeiten der Rassentrennung, der Kommunisten-Hetzjagd, des Chauvinismus und der Reaktion. Warum sonst nähen die sich so gerne Südstaaten-Flaggen auf die Klamotten? Ich verstehe diese Kultur, diese Mischung aus Rebellion und Konservativismus nicht.

Irgendwann trudelte dann auch die kleine Geburtstags-Gesellschaft ein und auch der Rest der Bar füllte sich rapide. Im Grüppchen neben uns, auf dem selben Sofa, saß eine Frau mit dickem Hintern neben mir. Erst bemühte sie sich emsig Sitzmöbel um ihren Tisch herum zu horten. Später suchte sie ständig Dinge in der von ihr mitgebrachten Tasche. Dazu stand sie auf, platzierte die Tasche auf ihrem Sitzplatz, bückte sich darüber und wühlte stundenlang darin herum. Zum Wühlen drehte sie mir grundsätzlich ihren dicken Hintern ins Gesicht. Bis auf zehn Zentimeter näherte dieser Todesstern sich meinem Gesicht. Furchtbar!

Ich versuchte den Gesprächen an unserem Tisch zu folgen… Entweder war ich zu unlustig,  zu mies gelaunt oder der DJ war zu laut. Bis auf den Jubilar hatte ich alle anderen schon länger nicht mehr gesehen und fühlte mich ziemlich fremd. Ich hatte auch nicht die geringste Lust auf Fragen wie „Wie geht’s dir denn so?“ oder „Was machst du gerade so?“ zu antworten oder sie gar selber zu stellen. Das vermittelte mir ein Gefühl von Klassentreffen und vor einem Klassentreffen werde ich mich in diesem Monat auch noch drücken.

Als die Bar ein für mich unerträgliches Maß an Fülle erreichte, und ich nicht einmal mehr verstehen wollte konnte, was an meinem Tisch gesprochen wurde, zahlte ich meine Zeche, verabschiedete mich mit dem mir in diesem Moment höchstmöglichen Maß an Nettigkeit und stapfte hinaus in den Schnee. Der liegt hier noch immer überall herum. Ich möchte mir nicht ausmalen, was bei Tauwetter alles darunter zum Vorschein kommt. Mittlerweile liegt das Zeug da seit fast acht Wochen.

Ich stapfte über die neonhelle Modersohnbrücke, entlang der Spree mit ihrem Packeis und über die Elsenbrücke. Als es mir zu kalt wurde, nahm ich mir ein Kurzstreckentaxi zur Lieblingsbar. Ich hatte zwar nicht die geringste Lust auf Gesellschaft, fühlte mich jedoch dem normalen Irrsinn dort einigermaßen gewachsen.

Den Irrsinn gab es dann auch. Unter anderem in Form eines homosexuellen Mannes, der vielen Gästen anbot ihre Unterwäsche kaufen zu wollen. Mir bot er an, mir einen zu blasen. Als Gegenleistung wollte er mir Dope dafür geben. Ich lehnte ab, schaffte es jedoch, den Abend dort irgendwie zu Ende zu bringen. Warum? Tja… weiss ich auch nicht. Muss ich etwa?

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  1. 15. Februar 2010

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