Auch ich nehme an ‚Frühling‘ teil, andere hauen sich auf’s Maul

Seit gestern nehme auch ich, wie viele meiner Facebook-Friends an Frühling teil. Es ging einfach nicht mehr anders. Ich erwachte, sah den Sonnenschein, sprang unter die Dusche und in die Klamotten und holte mir im nahe gelegenen Supermarkt eine größere Kollektion frischen Obstes. Dieses wurde in meiner Küche fachgerecht zerkleinert und mit etwas Honig und ein paar Nüssen zu einem Obstsalat zusammen geworfen.

Dass ich Nüsse in meinen Obstsalat warf, wunderte mich selbst, denn das Konzept aromatisches Holz zu essen, erschloss sich mir bisher nicht. „Du isst doch Erdnüsse!“ musste ich mir immer wieder von aufmerksamen, aber in Nuss-Sachen offenbar ungebildeten Freunden sagen lassen. Denn, und jetzt kommt ein Wikipedia-Zitat, „die Erdnuss (Arachis hypogaea), auch Aschanti-, Arachis- oder Kamerunnuss, ist eine Nutzpflanze aus der Familie der Hülsenfrüchtler (Fabaceae oder Leguminosae) aus der Neuen Welt und wird daher in der Schweiz Spanische Nuss genannt.“ Ergo: Die Erdnuss ist keine Nuss, sondern den Hülsenfrüchtlern angehörig. Mein Nichtmögen von Nüssen beschränkt sich jedoch nur auf die grottenöde Haselnuss und die, an meinem Gaumen, etwas zu streng schmeckendende Walnuss. Wird mir die Walnuss jedoch, ordentlich zerkleinert und in kleineren Mengen, in einen Salat geschmuggelt, kann ich sogar die goutieren.

Weiche ich schon wieder ab?  Macht nichts. Nachdem ich meine komplette Schüssel Obstsalat auf Ex verputzt hatte, wählte ich eine passende Sonnenbrille (Aviator) und begab mich in Richtung Landwehrkanal und Kreuzberg. Auf den paar Metern Neukölln schien noch alles normal. Natürlich waren die Aussenbestuhlungen der Cafés gerammelt voll und die Kiez-Größen um meinen Hausmeister sassen auf den Parkbänken gegenüber mit Pilsator bewaffnet und freuten sich lautstark über die ersten Miniröcke. Doch bereits auf der Ohlauer Brücke herrschte ein Mords-Gedrängel aus touristischen Imwegstehern, radelnden Hooligans, schnaufenden Joggern und Über-Müttern mit Taschen vom Bio-Supermarkt, breiten Hintern und noch breiteren Kinderwagen. In diesen schoben sie die Finn-Noahs des letzten Jahrzehnts nebeneinander her, ohne zu merken, dass zwei dieser Ungetüme für die kleinen Ungetüme den kompletten Gehweg blockieren. Hei, war das ein fröhliches Gekeif, als der erste Radfahrer, überraschend vorsichtig, vorbei radeln wollte und von den Über-Müttern prompt in eine Gruppe touristischer Imwegsteher gedrängt wurde.

Meine Teilzeit-Misanthropie lässt mein garstig Herz in solchen Momenten manchmal fröhlich hüpfen, meine Kinderstube vermeidet jedoch sehr erfolgreich jegliche Beteiligung an solcherlei Gekeif. Ausserdam war ich viel zu Guter Laune, mir gleich den ersten Tag meiner persönlichen Schönwetter-Periode versauen zu lassen. Auf der Wiener Strasse unternahm ich den Versuch, mir ein Buch zu kaufen, der jedoch kläglich scheiterte. Erstens liegen noch einige ungelesene Bücher in Bettnähe herum, und zweitens, vermochte keiner der angebotenen Titel mich zu „kicken“.

So lenkte ich meinen leichten Schritte (ich trug zum ersten Mal wieder Sneakers und keine dicken Motorrad-Boots!) in Richtung Görlitzer Park. Wenn man sich von der Ecke Wiener / Ohlauer Strasse dem Görlitzer Park nähert, benutzt man den sog. Alpinen Pfad. Das ist ein vormals bewachsener Hang, der jedoch so häufig als Abkürzung benutzt wird, dass es quasi ein breiter, jedoch sehr steiler Weg ist. hat man diesen hinter sich gebracht, betritt man den Park an der besten Stelle. Links und rechts wird fröhlich gepinkelt, man befindet sich an einer der höchsten Stellen des Parks und hat einen hervorragenden Überblick über das sich darunter ausbreitende Sozioquarium.

Gleich am Fuss des alpinen Pfades lauern die Pst-Pst-Dealer. Einer der Dealer war gerade dabei, einem anderen Dealer sein Platzrecht mittels Faustschlägen ins Gesicht zu erläutern. Hätte ich mir ein halbes Stündchen Zeit genommen zu verweilen, hätte ich bestimmt noch erleben dürfen, wie der vertriebene Dealer mit ein paar Kumpels zurück kommt, um erst genanntem Dealer die Fresse zu polieren. So geht das immer in den ersten ein, zwei Frühlingswochen, bis jeder weiss, wo er Pst-Pst machen darf.

Gleich auf der ersten Wiese wurde wieder dieses Spiel gespielt, bei dem zwei Parteien Holzklötze aufbauen, um sie sich dann gegenseitig wieder, mittels noch mehr Holzklötzen, umzuwerfen. Die Kids schrieen und spielten mit Bällen, überall wurde ausgiebig gekifft und/oder gezecht, die ersten Decken waren ausgebreitet und die ersten Mitglieder einer mobilen ethnischen Minderheit, die sich aufs Windschutzscheiben Reinigen spezialisiert haben, schlugen im Park ihr Sommerlager auf.

Ich durchquerte den Park auf kürzestem Wege und bekam unterwegs nur zwei mal Pst-Pst angeboten. Eigentlich wären’s ja drei Mal gewesen, der erste Dealer war jedoch, wie beschrieben, beschäftigt. Ich wollte im Marabu, einer Kneipe auf der Sonnenseite, den Nachmittag mit einem Alster beginnen. Jedoch war nur eine mir unbekannte Thekenkraft zugegen und vor dem Laden hockten auch nur Unbekannte und ich beschloss weiter zu ziehen. Unterwegs gönnte ich mir ein Stück Pizza, wich ein paar jugendlichen Rüpeln aus, die anscheinend kurz davor waren, ihre Kampfhunde auf einander zu hetzen und quetschte mich an ein paar Über-Mütter-Gespannen vorbei (die treten wirklich meist in Zweier-Gruppen auf).

Ich hatte beschlossen, mein Nachmittags-Alster in der sonnenfreien Lieblings-Bar zu mir zu nehmen. Die Garantie, ein paar nette Menschen zu treffen, liess mich auf die Sonnenlosigkeit pfeifen. Dort angekommen, fluchte Freund und Inhaber Christian darüber, dass er jetzt, wo es so hell sei, wieder gründlicher putzen müsse (er hatte gerade die Fenster geputzt), dass er neue Möbel für Draussen anschaffen müsse und überhaupt… Der Anruf einer Freundin lockte mich dann vorerst in das Café Provinz, welches sich ebenfalls in der Karl-Kunger-Strasse in Alt-Treptow befindet. Ich bestellte mir bereits im Landeanflug ein kleines Alster, was von der Kellnerin wortlos und mit missmutigem Blick aufgenommen wurde. Vermutlich schmerzte eins ihrer zahllosen Piercings.

Dort gab es jedoch noch Sonne. Zwar musste die Freundin den Tisch selber in die Sonne schleppen, und das nur unter der Bedingung, dass sie ihn auch wieder zurück schleppt, aber für die Länge eines kleinen, wortlos hin geknallten Alsters gab es immerhin noch Sonne. Wieso meine Begleitung dem gepiercten Besen hinterher noch ein Trinkgeld in den unfreundlichen Hintern blies, ist mir allerdings schleierhaft. Auch die Begründung „Das war’n doch nur 30 Cent pro Getränk!“ will mir nicht einleuchten. Eigentlich finde ich ja, dass man gerade Thekenkräften und bedienendem Personal gegenüber ausnehmend freundlich sein sollte und ihnen auch ein angemessenes Trinkgeld zukommen lässt. Aber eine Ziege, die kein Wort zu mir spricht und mich Möbel schleppen lässt, kann mich mal! Wie gut, dass ich meinen ersten Frühlings-Nachmittag dann im Schatten meiner Lieblings-Bar mit freundlichen Thekenkräften und netten Gästen verbrachte!

Veronika, der Lenz ist da!

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    • aus der hinterhof-kemenate
    • 24. März 2010

    Da ich in diesem kleinen Bericht unerwartet auftauche, erlaube ich mir eine kleine Richtigstellung. Von mir hat sie kein Trinkgeld bekommen, die 30 cent waren von den zwei Euro fuffzich, die du mir in die Hand gedrückt hast, mit dem liebevollen Hinweis: Zahl ma mit!

    ;)

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