Wurstwasser, Scorpions und die Hunziker

Die Republik gruselt sich kollektiv vorm Wurstwassertrinken. Liegt es wohl an der Laune des Volkes oder an der Sonntagshaftigkeit der Autoren, dass quasi jede, von mir angesteuerte, Netzausgabe deutscher Zeitungen sich mit der gestrigen Sendung von Wetten dass..? und, damit einher gehend, mit dem Trinken von Wurstwasser beschäftigt?
Ich gebe es gerne zu: Auch ich habe mich gestern  dem Klassiker deutscher Fernsehunterhaltung ausgeliefert. Eigentlich zappte ich noch durch die Kanäle, als mir die Eurovision-Titelmusik zu Ohren kam. Irgend ein frühkindlicher Mechanismus, der vermutlich in der Angenehmness familiärer TV-Abende begründet liegt, liess mich die Fernbedienung (eine der größten Erfindungen des letzten Jahrhunderts!) zur Seite legen und mich kaninchenhaft auf den Bildschirm starren.

Eine sonderbare Gefühlsmelange breitete sich rasch in mir aus. Bestehend aus dem frühkindlichen Wohlfühlmechanismus und dem seltsamen Schmerz, Thomas Gottschalk sehen und hören zu müssen. Einerseits ist es die Abscheu vor einem grabbelig-schlüpfrigen, älteren Herren mit unverbesserlicher Neigung zur pfauenhaften Aufbretzelei und zum schlagfertigen, aber platten Witz. Andererseits ist er aber Gottschalk, der Typ der den Großteil meiner persönlichen Fernsehkucker-Karriere über immer wieder auftauchte und somit einfach dazu gehört. TV ohne Gottschalk gibt’s für mich einfach nicht!

Natürlich sei es meiner kleinenfeinen Leserschaft jetzt unbenommen aus zu rufen „Es ist doch die Hunziker, die dich Wetten dass..? kucken macht, du Strolch!“ Das mag stimmen. Ich halte Frau Hunziker, das muss ich gestehen, trotz ihrer vermeintlichen Barbiehaftigkeit, für eines der wenigen Highlights im samstäglich-öffentlich-rechlichen Seicht-Brei, besser bekannt als TV-Unterhaltung.

Es gehört nicht viel dazu, hinter ihrer Barbiehaftigkeit, eine tatsächlich attraktive, gebildete, charmante und talentierte Frau zu sehen. Darüber konnte auch der fürchterliche Klorollen-Barbie-Fummel, in den sie von der ZDF-Gerderobenabteilung gesteckt wurde, nicht hinweg täuschen.
So, das war jetzt der dritte Barbie-Vergleich. Einen gab’s doppelt, da müssen wir einen abziehen. Bleiben zwei, was auch genug ist! Allerdings schaffte es die Aufnahmeleitung gestern jedoch, Frau Hunziker weitgehend auf eben diesen Fummel mit den wehenden Schößen zu reduzieren.

Dahinter steckt, so meine Vermutung, die Eitelkeit des Gottschalk! In letzter Zeit hörte ich schon des Öfteren Aussagen á la „Seit die Hunziker dabei ist, kann man sogar wieder Wetten dass..? kucken!“ . Das dürfte auch Herrn Gottschalk zu Ohren gekommen sein, und nun sieht er vermutlich ein Horrorszenario aus dahin schwimmenden Designer-Fellen und einer, ihn irgendwann komplett ersetzenden, Michelle Hunziker. Da helfen weder ehrgeizig gepflegte Juvenilität, noch das harmlos lose bajuvarische Mundwerk. Wir werden sehen.

Neben den, üblich beackpfeifengesichtigen, Wettkandidaten gab es auch noch andere Gäste. Allen voran ein weiteres deutsches Erfolgsmodell: Stefan Raab. Keiner versteht sich so gut darauf, des gemeinen Deutschen Unterhaltungs- und Musikgeschmack so gut zu bedienen wie er. Er kann zum hundertsten Mal Nullgesichter wie Joey Kelly oder Elton in chinesische Bratpfannen setzen, oder aus Scheisse Musik machen, Fernseh-Deutschland bleibt ein willig folgender Jünger. Mir will beim besten Willen kein Misserfolg des Raab einfallen. Ich bin nun sehr gespannt, wie sich sein jugendliches Gezücht, Lena Meyer-Landrut mit dem netten Gesang und dem x-beinigen Getanze, auf Europa-Ebene im Song-Contest schlägt. Zumindest ein Teilerfolg (nochmal 12 Punkte aus Österrreich?) dürfte garantiert sein.

Über Erfolgsmodelle wie Maria Risch oder gar Hansi Hinterseer will ich mich hier nicht auslassen. Die interessieren mich so was von gar nicht! Die lasse ich gern als Couch-Garnitur bei Gottschalk, oder als Sitzplatz für Beth Ditto (hat mich durchaus unterhalten) durchgehen, irgendwelche Gedanken werde ich jedoch nicht an sie verschwenden. Da finde ich es schon deutlich interessanter, mich mit den Scorpions zu beschäftigen. Natürlich verweigere ich mich jeglichem Verständnis gegenüber dem immensen Erfolg dieser Band. Mir will absolut nicht n den Sinn, was man an dem pathetischen Gejaule, dem albernen Gepose und dem Sichselbstbierernstnehmen dieser Figuren finden kann. Aber natürlich sind sie, wie Gottschalk und Raab unbestrittene Erfolgsmodelle dieser Republik.

Wie sieht denn wohl der gemeine Scorpions-Fan aus? Ich stelle mir den deutschen Scorpions-Fan so vor:
Wir treffen Michael G., 42 aus einer niedersächsischen Kleinstadt. Michael wird von seinen Freunden und Kollegen „Micha“ gerufen. Er arbeitet als Logistiker in einer Spedition und wird von seinen Arbeits-Kontakten wegen seiner Zuverlässigkeit und seinem jovial-kumpelhaftem Verhalten geschätzt. Micha trägt sein Haar, dessen Rückgang tapfer ignorierend, noch immer etwas länger und einen lässigen Bart, den er gerne in verschiedenen Modellen zwischen Klobrillen- und Dreitagebart variiert. Wie Klaus Meine trägt er seine Mützen gerne verkehrt herum und einen kleinen goldenen Ohrring im linken Ohr. Ihn rechts zu tragen, galt seinerzeit als schwul.

Micha ist, seit er 19 ist, mit Marion zusammen. Marion ist 39 Jahre alt, und steht auch auf die Scorpions. Seit 15 Jahren sind die beiden nun verheiratet und haben zwei Söhne, Luca (15) und Leon (10). Wenn Micha seine Freizeit nicht mit seiner Familie verbringt, schraubt er mit seinen Freunden, die er noch aus Schulzeiten kennt, an Motorrädern herum. Er selbst fährt einen beliebigen Achtzigerjahre-Bock mit 900 Kubikzentimetern, an dem im Laufe der Jahre, quasi jedes Teil mindestens zwei Mal ausgetauscht wurde. Er liebt dieses Ding! Zwar kriegt Micha immer feuchte Augen, wenn er in Magazinen einen Street-Fighter (jene hoch gezüchteten Affenschleudern zum Reifenqualmenlassen) sieht, weiss jedoch durchaus um sein Alter und die Familie, und verzichtet voller Vernunft.

Gehen lässt Micha sich nur noch auf Feten mit den Motorrad-Kumpels. Gerne zieht man die Lederjacke an, lädt befreundete Fahrgemeinschaften aus dem Umkreis und alle Freunde zur Sau am Spiess und jeder Menge Faßbier ein. Wenn dann aus den Boxen die Worte „Here I am! Rock you like a hurricane…“ ertönen greifen die Jungs noch mal zur Luftgitarre und grölen leidenschaftlich mit. Später wird, um der alten Zeiten Willen, noch ein, zwei Mal am Joint gezogen, und Michas Gehenlassen ist perfekt!

Ich könnte mich jetzt noch Stunden in Beschreibungen der Figur Micha ergehen, versuche jedoch mal den (meinen!) Scorpions-Fan auf den Punkt zu bringen: Ich halte ihn für einen alterskoservativen Sack Anfang Vierzig. Der Fan hält sich wegen seines Ohrrings und seines Mottorades wegen, für einen durchaus nonkonformen Typen mit sympathischer Macke. Er wählt SPD weil er das schon immer gemacht hat. Er hat nichts gegen Ausländer, fragte sich nach einem Wochenende in Berlin jedoch, „ob das nicht doch ’n bisschen viele Türken da in Kreuzberg sind, und ob die nicht mal wieder nach Hause wollen, schliesslich haben wir hier ja nun auch keine Arbeit für jeden mehr“.  Er ist überzeugt davon und stolz darauf, dass die Scorpions das Ende des kalten Krieges mit Winds of Change herbei gespielt haben, gesteht jedoch auch David Hasseloff mit I’ve bee looking for Freedom eine gewisse Teilhaberschaft zu. Obwohl er immer artig zur Wahl geht, interessiert Politik ihn recht wenig, denn „die da oben“ machen ja eh alles falsch.

Die Tickets für die Abschieds-Tour der Scorpions sind längst bestellt. Unklarheiten gab es im Freundeskreis lediglich wegen der Frage, ob man sich mal wieder ein Wochenende in Berlin gönnen, und sich endlich mal diese „abgefahrene“ O2-Arena ansehen soll, oder doch lieber zum „Heimspiel“ nach Hannover. Weil Ralle keinen Urlaub nehmen kann, und der kürzeren Fahrstrecke wegen, fiel die Entscheidung dann auf Hannover.

Ich bin nun echt froh, dass Frau Hunziker, deren Aufgabe es zu sein scheint, alles und jeden in der Show zu küssen, weder Klaus Meine, noch irgend einen anderen Scorpion geküsst hat.

(Die Bilder gehören dem ZDF, das einen Wetten Dass…?-Youtube-Kanal betreibt)

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  1. 24. April 2010

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