Flattr – Was? Ich soll für Blogs bezahlen?

Vielleicht habt ihr Schlingel ja schon von Flattr gehört?! Flattr ist ein Micropaydienst, mit dem ich als Blogger auch den einen oder anderen Euro machen könnte. Hier erklärt sich Flattr in einem kurzen Video:

Feine Sache! mag man da im ersten Augenblick denken, doch nur im ersten Augenblick. Angenommen ich poste in meinem Blog ein DJ-Set, das ich auf Soundcloud oder sonstwo fand, da frage ich mich doch, wieso sollte mich dafür jemand bezahlen? Sollte nicht der DJ bzw. die Künstler, die er vermixt, ein Wenig Geld dafür bekommen?

Reine Filter-Blogs, also Blogs, die keine eigenen Inhalte generieren, kann man allerdings auch als Zeitschrift verstehen. Man wühlt den lieben langen Tag im Netz herum, bis man ein paar Videos, Grafiken oder Sonstwas beisammen hat, kommentiert es mit ein, zwei Sätzen und packt es ins eigene Blog. Das ist eine Menge Arbeit, mag man meinen, die vielleicht auch irgendwie entlohnt werden sollte.

Finde ich nicht! Ein Blog wie dieses zu betreiben kostet vielleicht zwei Stunden Zeit am Tag. Die wenigsten Filter-Beiträge habe ich aufwendig gesucht. Ich habe viele Blogs abonniert und deren Beiträge rieseln mir, wie von Geisterhand, in meinen Feed-Reader. Ein nettes Video zu posten und mit einem kurzem Kommentar zu versehen kostet mich circa zehn Minuten. Im Gegensatz zur Zeitschrift bleiben mir lästige, kostenaufwendige Dinge wie Druck, Vertrieb und zickige Redakteure erspart. Um dieses Blog zu betreiben, könnte ich schön mit dem Hintern im Bett bleiben und müsste lediglich ab und zu dem Bringdienst die Pforten öffnen. Will sagen, dieses Gewese, welches so mancher Blogger um sich und sein Werk betreibt, ist ziemlich übertrieben. Ich werde also den Teufel tun, und einem Filter-Blog, das vermutlich auch schon mit Werbung etwas verdient, auch nur einen müden Cent in den Rachen werfen! Einige Filter-Blogger sehen das anders. So schrieb einer der größeren Blogger, der ausschliesslich Filter-Inhalte präsentiert, in einer entstandenen Diskussion sinngemäß „Ich stelle doch nur einen Hut auf. Ob man was rein tut, oder nicht, entscheidet der Leser doch selbst.“ Ich habe mir das entsprechende Blog mal etwas genauer angesehen. Es gibt ausschliesslich Filter-Content und unter jedem Beitrag steht via. Damit weist er darauf hin, dass er auf diesen Inhalt durch ein anderes Blog kam, sprich: es ist in seinen Feed-Reader geschneit. Mitnichten hat er Stunden lang vor YouTube gesessen, um ein interessantes Video zu finden. Mir purzeln circa 200 Beiträge pro Tag in den Feed-Reader. Aufgrund meiner Erfahrung damit, brauche ich im Schnitt zwanzig Sekunden, um festzustellen, ob ein Beitrag für mein Blog interessant ist, oder eben nicht. 200 x 20 Sekunden, das ist etwas mehr als eine Stunde, um die täglichen Feeds zu sichten. Finde ich dann z.B. ein interssantes Video, dauert es vielleicht noch mal zehn Minuten und der Beitrag ist online und auf Facebook verlinkt. Dafür soll ich Geld haben wollen? Das halte ich für anmaßend und dreist!

Ich, und vermutlich die meisten Blogger, sind ja nun auch nicht angetreten um Geld damit zu verdienen. Mich hat die Wirtschaftskrise des größten Teils meiner Beschäftigung beraubt. Ich blogge, um mir zumindest selbst den Anschein einer sinnvollen Existenz vor zu machen. Ich habe dabei sehr wohl im Hinterstübchen die Idee, dass ich mit meinen selbstgenerierten Beiträgen irgendwann einmal zu einer Zeitung, einem Magazin oder sonstwo latschen kann und zeigen, hier, das kann ich! Würdet ihr da eventuell ein Wenig Geld für ausgeben wollen?

Natürlich spielt bei mir eine gewisse Bühnengeilheit und Applaussucht auch eine gewisse Rolle (das unterstelle ich übrigens den meisten Bloggern!). Klar will ich zeigen, dass meine Inhalte cool, unterhaltsam und informativ sind. Cooler, unterhaltsamer und informativer als die vergleichbarer Blogs. Ordinär gesagt, betreiben wir Blogger doch eh nur einen permanenten Schwanzlängenvergleich. Da kommt es darauf an, wer vermeintlich virales Zeugs als erster auf den Dorfplatz von Kleinbloggersdorf pfeffert, und wie viele andere Blogger ihm hinterher eiern und ihn dann verlinken. Das sieht man immer an dem via unter einem jeden Beitrag. Da „gesteht“ der Blogger, wo er seine Inhalte „geklaut“ hat. Das gehört sich so in Kleinbloggersdorf.

Zurück zu Flattr. Flattr befindet sich derzeit noch in der Beta-Phase. Will meinen, noch wird ausprobiert, wie und ob das überhaupt läuft/laufen wird. Um als Blogger an diesem Beta-Test teilzunehmen, brauch man eine Einladung von Flattr, oder stellt sich artig in die Warteschlange. Einladungen bekommen natürlich nur die großen Blogger, die sich natürlich schon über Webung und Experten-Auftritte ganz prima selber finanzieren können. Als kleine Pissnelke unter den Bloggern kann ich mich a) brav in die Warteliste eintragen, oder b) bei einem der großen Blogs auf Knien herum rutschen, um von ihnen eine Einladung zu erhalten.

Ich will jetzt hier gar nicht den Neidhammel geben. Auch die großen Blogs fingen mal klein an und mussten irgendwo kriechen und Speichel lecken um das zu werden, was sie jetzt sind. Vergleiche ich jetzt jedoch ein etabliertes Blog mit einer unbekannten Bude wie der meinen (beide sind Flattr-Kunden), sehe ich, dass beim großen Blog einzelne Beiträge geflattrt werden, als gäbe es kein Morgen, wohingegen beim kleinen Blog die traurige Parade der Nullen (man kann sehen, wie oft ein Beitrag geflattrt wurde) traurig einher zieht.

Damit kommen wir zum größten Problem in Kleinbloggersdorf: Einander verlinken (und damit Trafic erzeugen) tun die etablierten Blogs meist nur einander. Der kleine Blogger mit den 100 Lesern pro Tag findet bei „den Großen“ keinerlei Erwähnung. Ich habe ein, oder zwei Mal die Erfahrung gemacht: Ich hatte auf YouTube eine wirklich tolle Doku gefunden. Kaum einer hat sie sich angesehen. Zwei Wochen später (eine Ewigkeit in der Blogosphäre) hatte einer „der Großen“ das Ding entdeckt, und zwei Tage später war es in quasi jedem zweiten Blog der Republik zu finden und alle gestanden artig, dass sie es „beim Großen“ gefunden haben.

Dabei ist es gar nicht mal schwierig, die Aufmerksamkeit großer Blogs zu erregen. Man muss nur artig jeden Tag einen Beitrag in den Kommentaren über den grünen Klee loben. Das macht man so bei zehn großen Blogs, und irgendwann vielleicht erfährt man sogar den Ritterschlag und wird in deren Blogroll (das ist die Linkliste, auf welcher man angibt, welche Blogs man liest) aufgenommen und wird später sogar in einigen Beiträgen verlinkt. Ich habe das eine Zeit lang so gemacht. Ein Blog-Ratgeber, den ich nur bedingt empfehlen kann, rät dringend zu derartigem Geschleime.

Ich mache das nicht mehr! Wenn ich in einem etablierten Blog kommentiere, dann nur, um mal einen gepflegten Streit vom Zaune zu brechen. Gekrochen wird nicht mehr! Ich bin viel zu undergroundig sozialisiert, um dem blogmäßigen Establishment Lobhudeleien angedeihen zu lassen. Im Gegenteil: Der Underground hat sich mittlerweile so tief in meine Gene gefressen, dass ich eher sage: „Geil! Schon wieder weniger als hundert Leser!“ Das gibt mir ein gewisses Gefühl der Exklusivität.

Fazit: Sollte ich jemals flattrn, dann nur mit Beiträgen, die zu 100% von mir stammen. Wie dieser hier. Wer mich dafür entlohnen möchte, hat es schon getan, in dem er/sie/es überhaupt bis hier gelesen hat. Wer darüber hinaus gehen möchte, kann mir auch demnächst sagen „Fein gemacht, Irmbach-Lichterkett!“ oder mit gar ein Bier spendieren, schliesslich kenne ich nahezu alle meine Leser persönlich. Eat this, etablierte Blog-Pfeife!

(Direktvideo)

Zusatz: Natürlich haben auch „die Großen“ ihre Meinung zu Flattr. Einer pro, der andere ist noch unsicher.

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  1. Feiner Beitrag!
    Es lebe der Untergrund! ;-)

    • Piero
    • 16. August 2011

    The Lord of the Undaground!!!

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