Ein schöne Zeit mit Karlsquell, einem Bulli und Traudel

Mein alter Freund André bappte mir eben einen Link an meine Facebook-Pinnwand. SpOn-Schreiber Mike Glindemeier macht dort in seinem Beitrag Ode an eine Dose seinem Jugendpunkbier Karlsquell ein spätes Liebesgeständnis.

Auch in meiner früheren Existenz als Dorfpunk spielten die blauweissen Dosen für 49,- Pfennig von Aldi eine zentrale Rolle. Wir liebten diese Brühe! André, Carsten, Udo, Fisch, Eidel, Aldi [sic!], Diggel, ich und all die anderen… Für uns war Karlsquell der Treibstoff fürs Wochenende. Nicht einmal Benzin spielte so eine wichtige Rolle. Damals waren die Tankschlösser noch längst kein Standard und wir hatten alle Schlauch und Kanister in unseren Strichachtern, Bullis, Kadetts und Enten. Da wir beständig knapp bei Kasse waren und in unserem Kaff die Tanke um achtzehn Uhr schloss, klauten wir Benzin oder Diesel bei Bedarf. Als wir achtzehn waren kauften wir uns mit neun Jungs einen königsblauen Vokswagen Bulli T2 mit roter Schiebetür für 800 Mark. Udo, der später seinen Doktor in Informatik machte und nun Inhaber einer wohlgestellten Softwarefirma ist, stellte umgehend akribische Berechnungen an, wie viele Paletten Karlsquell im Fußraum und unter den Sitzbänken Platz fänden. Als wir im Sommer ’86 unseren Bulli bis aufs Dach beladen hatten um nach Jugoslawien zu fahren, zerrten unsere Eltern uns umgehend auf eine LKW-Waage. Die Karre war hoffnungslos überladen!

Bis auf die beiden Arschkartenbesitzer, die die erste Nacht fahren durften, tranken alle munter Karlsquell. Ob der Überladung und unseres Konsums, stellte Carstens Vater nur lakonisch fest, dass, wenn wir nur regelmäßig pinkeln, wir uns spätestens im Ruhrgebiet auf das erlaubte Gewicht runter gesoffen hätten. So rauschten wir dann mit abenteuerlichen 45 PS in den Urlaub. An Bord acht Jungs, vierzig Liter Benzin (gekauft!) und sechzig Liter Karlsquell.

Der Bulli hat uns irgendwie nach Jugoslawien und sogar zurück gebracht. Wenn wir später damit über die Dörfer, zu Partys namens Abrechnung in Druchhorn rauschten, zogen wir grundsätzlich eine Spur leerer Dosen und kopfschüttelnder Landeier hinter uns her. Wurde die Schiebetür geöffnet, klapperten immer mindestens zehn leere Dosen auf die Straße. Die Geräuschkombination aus sich öffnender Bullischiebetür und klappernden Karlsquelldosen werde ich niemals vergessen. Eidel hatte in seinem Zimmer aus den Aufreissern der Dosen ein Spinnennetz über die Komplette Zimmerdecke gebastelt. Carsten hatte einen Schreinachtsbaum gemacht. Ohne Nadeln, dekoriert mit Spaghetti und Karlsquelldosen und ich hatte einen Adventskalender bestehend aus einer Karlsquell-Palette mit durch nummerierten Dosen.

Wenn jemand eine Party gab, kam grundsätzlich jeder mit einer Palette Karlsquell unter dem Arm. Kurz wollte ich mich fragen, wie wir es bloß geschafft haben pro Nase acht Liter Bier zu verputzen. Die Frage ist jedoch völlig überflüssig. Natürlich kam nicht jeder mit einer Palette. Wer gerade keine Kohle hatte, soff sich halt bei den anderen durch. Eine Solidargemeinschaft auf Basis von Karlsquell! Der Rest ging für Bierduschen und Gesabber drauf. Hinterm Haus von Aldis Eltern gab es einen Partyschuppen, den Aldi von seinen Älteren Geschwistern geerbt hatte. Wenn wir dort feierten, war den Boden bereits um dreiundzwanzig Uhr komplett mit leeren Dosen bedeckt. Darauf tanzte eine Horde betrunkener, punkiger Teenager ausser Rand und Band Pogo und mitten drin stand Traudel, Aldis Mutter, die uns mit stoischer Gelassenheit Schnittchen kredenzte, während Diggel mit Lippenstift „Ich hasse Dackel!“ auf ihren Dackel schrieb.

An dieser Stelle muss ich einfach ein großes Lob, tiefe Dankbarkeit und ewige Verehrung an Traudel aussprechen! Traudel, die größte Seele, die mir je begegnet ist! Das größte Herz der Welt mit Platz für all die Kleinchaoten, mit denen ihr Sohn befreundet war. Unfassbar, in welchen Zuständen Traudel uns ertragen musste und sich trotzdem rührend um uns kümmerte, während ihr Mann Erich (der nun seine ewigen Runden auf seiner silbernen BMW im Jenseits dreht) in der Küche saß und Zigaretten stopfte.

Ich weiß nicht, was ohne Karlsquell aus uns geworden wäre. Dieses ganze Dorfpunkertum, das frei denkende, offene, sensible und kluge Menschen aus werden liess… Menschen, die nun Softwareentwickler, Unfallchirurgen, Designer, Handwerker, Gärtner, Veranstalter, Autoren und Krankenpfleger geworden sind. Wie wäre das nur möglich gewesen ohne dieses billige Dosenbier und die bunte, kreative Welt, die wir uns damit erschlossen und zum Teil erschaffen haben? Ich habe keine Ahnung!

Nun schliesse ich mit tiefem Dank an meine alten Freunde, das billige Bier in der blauweissen Dose und Traudel.

(YouTube-Dosenbier)

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    • maik
    • 10. August 2010

    na komma,fehlt doch die karsquellhymne schlechthin von unsan freunden aus hh..http://www.youtube.com/watch?v=mHP8O57jhac
    schönen gruss
    maik

  1. Hab ich mit Absicht weg gelassen.

    • DrUdo
    • 16. August 2010

    Louie,

    du hast offensichtlich ein sehr gutes erinnerungsvermögen. aber: hat eine 24er palette vom guten Karlsquell nicht lediglich immer 11.28 mark gekostet? also 47 pfennige die dose? nur damit die geschichte nicht verklärt wird…
    ansonsten: sehr schön!

    • punkhead
    • 13. Januar 2012

    Hatte auch mal n Song darüber gemacht: http://www.bark-band.de/songs/karlsquell.mp3

  1. 3. September 2010

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