Berlin: Winter? Könn‘ wa nich!

Winter ist in Berlin eigentlich eine feine Sache. Besonders dann, wenn es schneit. Gnädig werden fiese Hinterlassenschaften auf Straßen und Gehwegen unter einer weissen Decke versteckt und einige der Insassen begeben sich nur, wenn es absolut notwendig ist, vor die Haustür. Autos müssen stehen bleiben, weil die Räumdienste den Schnee von der Straße zu einem kleinen Wall neben den parkenden Fahrzeugen auftürmt. Allerorts kann man schmunzelnd beobachten, wie die Piloten hinterradgetriebender Vehikel verzweifelt versuchen diesen Wall zu überwinden. Meist geben sie erst auf, wenn der blecherne Liebling anstatt vorwärts, seitwärts zu rutschen gedenkt und den benachbarten Blechhaufen gleich mehrfach touchiert.

Mitunter ist man nun gezwungen, den ÖPNV zu nutzen, also auch die S-Bahn. Die Berliner S-Bahn ist jedoch für ihre Anfälligkeit gegen kleinere Störungen durchaus bekannt. So durfte ich dann nach zwei Tagen Schneefall (20 cm) ein in Berlin quasi geflügeltes Wort mal wieder hören: S-Bahn-Chaos!

Ein S-Bahn-Repräsentant dazu im Radio: „Einige Weichen lassen sich wegen dem Schnee nicht mehr verstellen. Natürlich haben wir beheizbare Weichen! Wenn jedoch Schnee, Kälte und Wind zusammen kommen, ist das einwandfreie Arbeiten der Weichenheizungen nicht mehr gewährleistet.“ Hm… ist die Kombination Schnee, Kälte, Wind nicht ein Winter-Standard? Nunja, die Berliner S-Bahn Betriebe gehören der Deutschen Bahn AG. Das ist der selbe Verein, der sich im Sommer bereits wunderte, dass Temperaturen über 30°C  entstehen können. Also, die selben Weitblicker, die uns seit Jahren weis machen wollen, eine Privatisierung der Bahn wäre gut für den Kunden.

So muss der gemeine Berliner sich nun doch wieder privat durch hauptstädtische Straßen schleppen und verhält sich dabei ähnlich winterlich-versiert wie die Spezialisten der Bahn AG. Autofahrer vermeiden überflüssig scheinende Bremsmanöver, wo es nur möglich scheint. Heisst: Es wird nur an roten Ampeln, hinter Polizeifahrzeugen und bei drohender Kollision mit deutlich größeren Fahrzeugen gebremst. Um diesem kraftfahrerischen Irrsinn zu entgehen, türmt der Radfahrer auf die nur selten ausreichend geräumten Gehwege, um dort unsicher schlingernd Angst und Schrecken zu verbreiten. Da wird dann, dem Vierrädrigen Feind gleich, jedes Bremsmanöver vermieden und „Vorsicht!“ brüllend der nächste Fußgänger umgemäht.

Gerade letzte Woche ermahnte unser Spaß-Bürgermeister Wowereit noch die Hausbesitzer sorgfältig zu räumen, da es im Falle von Unfällen sonst teuer werden könnte. Im Falle meines Hausmeisters sieht das dann so aus:

07:30 Uhr: Stuhlgang

08:00 Uhr: Aufstehen

08:00 Uhr: Anziehen und Bandagieren bis…

10:00 Uhr: Räumdienst anrufen, Frühstücksbier öffnen

10:15 Uhr: Biertrinkend und unflätig fluchend vor der Haustür stehen und auf den Räumdienst warten

Kommt dann, irgendwann bei Flasche 4 oder 5 der Räumdienst, poliert dieser die, mittlerweile fest getretene, Schneedecke einmal richtig schön glatt, würzt diese mit etwas Streusalz, aufdass sich bald eine feine Eisschicht bilde, und trollt sich seiner Wege. Der Hausmeister grunzt, zufrieden, ob des verrichteten Tagwerks ein „So! Nu is jeräumt!“ in Flasche Nummer 6, geht zum nahen Lidl und besorgt Nachschub.

Mir bleibt jetzt nur zu hoffen, dass der Landwehrkanal bald richtig zu gefroren ist und ich einen meiner häufigsten Wege auf diesem bestreiten kann. Da bin ich vor Auto- und Radfahrern relativ sicher. Relativ!

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