Mal eben zu Karstadt am Hermannplatz…

Ich hatte heute zwei mal, je eine Stunde, beruflich am Reuterplatz, Neukölln zu tun. Da ich dort auch glücklicherweise wohne, betrug mein Arbeitsweg (80 Stufen runter, 100 Meter gehen, 80 Stufen rauf) nur vier Minuten. Der Hölle, in Berlin BVG genannt, wurde ich nicht einmal angesichtig. Das Rad blieb abegschlossen und verschneit im Hof. Zwischen den zwei Stunden hatte ich eine Stunde Freizeit, die ich sinnvoll mit Bücherkaufen bei Karstadt am Hermannplatz verbringen wollte, statt mir zusätzliche 80 Stufen zu meiner Wohnung aufzubürden, nur, um diese kurz darauf wieder zu verlassen.

Von mir zu Karstadt sind es 400 Meter. Trotz Schnee, ein kurzer Weg. Dachte ich… Mein Weg führte mich an einem Waschsalon vorbei. Humorvolle Strolche hatten aus der Waschsalonbeschriftung am Fenster jedoch einen „Naschsalon inkl. Naschpulver“ gemacht. Als ich die Tür des Naschsalons passierte, passierte das, was einem ständig passiert: Ein unachtsamer Mensch trat energisch, den Ellbogen voran, das Mobiltelefon am Ohr, aus der Tür direkt vor meine Füsse. Ich musste jäh auf den ungeräumten Teil des Gehweges ausweichen und kam dort, trotz profilbewehrten Schuhwerkes ins Schliddern und strauchelte heftig. Der Unachtsame Telefonierer bedachte mich mit einem berlinisch-freundlichen „Ey Alta! Kannste nich uffpassen wo de hinlatschst?!“ Ich widerstand dem dringenden Bedürfnis, dem Knaben mein profilbewehrtes Schuhwerk in die Körpermitte zu treten und stapfte durch den Schnee davon. Gleich an der Ecke zum Reuterplatz wollte ein Radfahrer mit einem dieser modischen Räder an denen quasi nur die zum Fahren notwendigsten Teile und sehr schmale Reifen sind, kurz vor mir auf den Gehweg flitzen. Er übersah, ob des Schnees, jedoch die Bordsteinkante, fuhr sie aus zu spitzem Winkel an und legte sich folgerichtig auf die Klappe. Da lag er mir nun mit seiner hässlichen Funktionskleidung und seinem drahtigen Drahtesel im Weg und fluchte. Ich bedachte ihn mit einem freundlich-berlinischen „Mannmannmann! Kannste nich kucken, wo de hinfährst!?“ und stapfte meiner Wege.

Gleich in der Weserstraße gibt es eine kleine, freundliche Buchhandlung, welche gebrauchte Bücher zu Schleuderpreisen verschleudert. An deren Auslagen bleibe ich grundsätzlich stehen, um zu sehen, ob es was feines für mich gibt. Doch heute war der Auslagentisch auf dem Gehweg von so genannten Übermüttern blockiert. Übermütter sind jene Kreaturen, die es sich aus Gründen, die ich nicht wirklich nachvollziehen kann/will, leisten können den ganzen Tag in der Nähe von Bioläden, Milchschaum-Höllen und Yoga-Zentren herum zu hängen. In dem unerschütterlichen Bewusstsein, der Menschheit qua Vermehrung einen unschätzbaren Dienst geleistet zu haben, und brettern mit ihren Kinderwagen, modisch-individuell gekleidet, alles um, was sich nicht schnell genug in einen Hauseingang, auf die Straße, oder ins nächste Gebüsch retten kann, selbstbewusst über den Haufen. Nur wenn sie auf Artgenossinnen treffen, werden Übermütter unter einander handzahm. Dann wird mittels der Kinderwagen der komplette Gehweg blockiert und es werden tuschelnd Neuigkeiten über Mischa, den Yoga-Lehrer, Biogemüse und den neuen Pilates-Kurs ausgetauscht.

So geschah es denn auch vor „meinem“ Buchhändler. Mittles zweier Kinderwagen und einem Hund an einer Freilaufleine wurden Geh-, Radweg und Auslagentisch wirkungsvoll komplett blockiert. Komischerweise ist der, ansonsten recht pöbelfreudige, Insasse Berlins bei derartigen Konstellationen in seiner Pöbelleidenschaft gehemmt und umgeht derartige Blockaden grummelnd. Ich tat ihm gleich, da ich mir eh die karstädtische Bücherhölle zum Ziel gewählt hatte.

Der nächste Ellbogen-voraus-Telefonierer latschte mir ein paar Meter weiter vor die Füße. Er trug Sackhosen der Deppenmarke „Sean John“ und eine Jacke mit dem Aufdruck „Pimp“, dem amerikanischen Slangwort für Zuhälter. Ich dachte mir „Pimmel“ wäre eingetlich die richtige Beschriftung, überholte den Löffel und versuche seitdem ihn zu vergessen.

An der Kreuzung Urbanstraße/Kottbusser Damm angekommen, herrschte dort die übliche Betriebsamkeit plus vorweihnachtlicher Hektik. Neben mir, an der Ampel, fachsimpelten zwei türkische Matronen in geschliffenstem Deutsch, ob es sich beim aktuellen Niederschlag nun um Schnee oder Sprühregen handele. Still entschied ich mich für Schnee und ging bei Rot. Dadurch ermuntert rauschten nun auch alle anderen wartenden Lemminge Fußgänger über die rote Ampel. Nahenden Kraftfahrzeugen wurde keine Wahl gelassen. Lediglich die Latte-Macchiato-Mütter blieben, sich der Vorbildfunktion für ihre Brut bewusst, an der Bordsteinkante stehen und hielten die restlichen Fußgänger auf.

Möchte man die Karstadt-Filiale am Hermannplatz vom Eingang Urbanstraße betreten, hat man, besonders bei Niederschlag, ein Problem. Direkt vor dem Eingang befindet sich eine Bushaltestelle. Die Wartenden verteilen sich bei gutem Wetter geschickt über Geh- und Radweg, sodass man einen komplizierten Slalom laufen muss, um das Kaufhaus zu betreten. Schlägt es jedoch, wie heute, nieder, versammelt sich die wartende Schar komplett im Eingang zum Kaufhaus. Dass dort eventuell noch Kunden ein- und ausgehen möchte stört dort absolut niemanden und so mancher stellt sich schicksalsergeben einfach dazu bis er endlich vom eintreffenden Bus erlöst wird.

Da auch ich, nach meinen Jahren in Berlin, vom Proll-Down-Syndrom* befallen bin, raufte ich mich in der Gewissheit durch, nur das karstädtische Erdgeschoss benutzen zu müssen, und nicht auch noch die Rolltreppe genannte Unbill.

Meine drei Bücher hatte ich, trotz des Weihnachtsrummels, in der abscheulichen Dekoration erfreulich rasch gefunden. Nur noch bezahlen und raus hier! Nix da! Höhere Mächte haben vor das Bezahlenundraushier das Anstellen gesetzt. Meines Mutes nun vollständig beraubt, stellte ich mich als ungefähr Fünfzehnter in die Schlange der Wartenden. Der deprimierende Trauerzug näherte sich in winzigen Schritten der erlösenden Kasse, als ich auf einem der Aktionstische (die Buchhandlung bei Karstadt besteht quasi nur aus Aktionstischen!) ein ansprechend aussehendes Buch über Irland erblickte. In der Hoffnung, dort mit einheimischen zu singen und saufen, trage ich mich in letzter Zeit immer öfter mit Plänen Irland zu bereisen. Ich machte einen halben Ausfallschritt, um das Buch zu begutachten, hielt es für ungeeignet und wollte meinen Platz in der Reihe wieder einnehmen. Gnadenlos hatte sich die kleine Lücke, die ich meiner Neugier wegen hinterliess, geschlossen. Die Blicke der Wartenden sprachen eine deutliche Sprache: „Hier kommste nich mehr rin, Männeken!“. Mit eingekniffnenem Schwanz stellte ich mich wieder hinten an. Diesmal war es circa Platz fünfunzwanzig. Ich widerstand dem Bedürfnis, dem eigentlich sehr freundlichen Kassierer, einen der dort angebotenen Fernsehturm-Lollies ins Rektum zu rammen, bezahlte, prügelte mich durch den Ausgang, rannte ein paar Übermütter über den Haufen und erstand knurrend beim Gebrauchtbuchhändler eine ausgesucht hübsche Ausgabe von „Per Anhalter durch die Galaxis“. Den nächsten Telefonierer, der im Weg stand, konnte ich mit einem beeindruckenden Raucherhusten in die Flucht schlagen und bin nun glücklich, für dieses Jahr mein erstes Weihnachtsgeschenk erstanden zu haben!

*prächtige Wortschöpfung von Wiglaf Droste, die beschreibt, dass der hinzugezogene Berliner sich irgendwann zwangsläufig genau so pöbelig-pampig aufführt wie der Eingeborene.

Hinweis: Das Foto wurde morgens aufgenommen. Daher ist vom üblichen Trubel nicht viel zu sehen. Um diese Zeit ist der gemeine Neuköllner auf dem Amt oder noch im Bett.

Noch ein Hinweis: Zwei Tage später fiel mir ein, dass ich was vergessen habe und da noch mal hin musste.

Hier hagelt es ja förmlich Hinweise: Karstadt am Herrmanplatz ist übrigens das älteste Kaufhaus Berlins. Hier gibt es die durchaus lesenswerte Geschichte (Danke, Luigi).

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    • Kongo Müller
    • 15. Dezember 2010

    Sehr schön geschrieben, davon würde ich gerne mehr lesen. Was sich der geneigte Leser natürlich fragt, ist: Wat für Büscher hatter denn jezze jekooft? Stuckrad-Barre scannt dann immer seine Kassenzettel von Dussmann ein, das finde ich sehr erhellend.

  1. Mein Lieber Kongo Müller!

    Scanner, Drucker und Stuckrad-Barre kommen mir nicht ins Haus!

    Ich Erwarb „Wedding“ und „Mein Leben als Suchmaschine“ von Horst Evers um daraus meiner Patientin vorzulesen. Und ich erwarb „Tod in den Anden“ von Mario Vargas Lllosa für die Mutter zur Weihnacht.

    Da dich vermutlich viel mehr interessiert, was ich gerade lese, hier meine vorläufige Winter-Bibliothek:
    „Coma“ von John Niven (gelesen, geil!)
    „Shantaram“ von Gregory David Roberts (Tip vom Don. Bin mitten drin. Tolle Geschichte! Leider merkt man häufig, dass das Buch von Frauen übersetzt wurde)
    „Unfun“ von Matias Faldbakken (3. Teil der „Skandinavischen Misanthropie“, wird sicher nett)

    Klassiker fürs Back-Programm:

    „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury
    https://oelindieflammen.wordpress.com/2010/09/07/fuck-me-ray-bradbury/
    „Sexus“ von Henry Miller
    „Greenwich Killing Time“ von Kinky Friedmann

    Ansonsten hoffe ich natürlich, dass beim „Herrenabend“ noch das eine oder andere Buch besprochen wird und, dass du dich da wieder sehen lässt!

    Bis dahin!

    C.

    • Louisa Nitsche
    • 15. Dezember 2010

    Als ich den Artikel durchhatte, machte sich (auch) bei mir eine kurze kleine Enttäsuchung breit, glaubte ich doch am Ende an des Rätselns Lösung, nämlich: Welche Bücher hat er denn nun gekauft? Aber dem Mitkommentator sei Dank – das hat sich dann erledigt.
    Ohne gleich als Emanze betrachtet zu werden, sei mir die Frage gegönnt, wie es sich bitte liest, wenn „leider eine Frau übersetzt hat“. Habe da so eine vage Vorstellung – möchte es aber aus Deinem Munde hören…
    Und: Ich gehöre zwar nicht der Herrenrunde an, gebe Dir aber trotzdem unverblümt und ungefragt einen Lesetipp(von eener Frau – det kann ja nüscht sein): „Und die Eselin sah den Engel“ von Nick Cave (Übersetzung immerhin von Werner Schmitz!! = Mann!!)
    Für die Beschreibung des „Einkaufvergnügens“ bei Herrmann’s Karstadt gebe ich 5 Wertvollpunkte. Mich führt nämlich heute Abend just der Weg genau dorthin. Da es bei Karstadt in Charlottenburg und Steglitz das Geschenk für meine Mutter noch nicht gegeben hat, aber ich such auch nen Schirm – kein Buch! Da ich allerdings mit der U7 anrausche, habe ich den unschätzbaren Vorteil des unterirdischen Zugangs – hört sich nach deutlich weniger Ärger als Urbanstraße an. Das ist aber auch dringend notwendig, denn wenn ich da nicht fündig werde, brauche ich noch Nerven für Alexander’s Karstadt – und wer weiß, was mich da erwartet…

  2. Zunächst mal freut es mich sehr, dass euch mein kleiner Aufsatz gefällt! Danke!

    Ich setze mal gleich voran, dass ich das Original von „Shantaram“ nicht gelesen habe. Daher kann ich nur vermuten, dass man merkt, dass zwei Frauen das Ding übersetzt haben. Ich meine das z. B. in Beschreibungen körperlicher Eigenschaften der Figuren zu erkennen. Das grenzt manchmal doch arg ans Kitschige.
    Natürlich kann es sein, dass der Autor, auch als Mann, zu kitschigen Um- und Beschreibungen körperlicher Eigenschaften neigt. Ich vermute nur!
    Nun magst du mir Chauvinismus in dieser Vermutung unterstellen, Louisa… Damit müsste ich dann wohl leben.

    Der Umschlag der Paperback-Ausgabe ist übrigens das Kitischigste, was dereinst mein Bücherregal bevölkern wird. Hätte der Don das Buch nicht so vehement empfohlen, ich hätte es mit der Kneifzange nicht angefasst.

    Hier könnt ihr es euch ansehen:
    http://www.amazon.de/Shantaram-Gregory-David-Roberts/dp/344247308X/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1292428975&sr=1-1

  1. 16. Dezember 2010

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