Einer dieser Tage – Teil 1

Mann! Ich hatte gestern einen dieser langen Abende der weder mit Feierlichkeiten, noch mit dem damit einhergehenden Alkohol- und/oder Drogenkonsum zu tun hatte. Eigentlich wollte ich mir in aller Ruhe ein DFB-Pokalspiel ansehen, mich am Dschungelcamp weiden und halbwegs zeitig ins Bett. Kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit bekam ich einen Anruf. Das nette Gespräch dauerte satte zwei Stunden. Bereits während dieses Gespräches wurde ich per Skype angechattet. Auch der Chat dauerte zwei Stunden und war alles andere als unanstrengend. Fußball und Dschungelcamp rauschten als farbige Flimmerkulisse durch meinen geistigen Hintergrund. Der ruhige Abend war perdü, an zeitigen Schlaf nicht zu denken!

Eigentlich kann ich schlafen wie ein Koalabär (das Tier, das nachweislich am längsten schläft. Nämlich 20 Stunden am Tag). Gebt mir eine halbwegs bequeme Fläche zum Ausstrecken, ich schlafe ruckzuck ein. Da kann man mich mit Kaffee abfüllen, Drogen in mich hinein blasen, das Zeug, was mich vom Schlafen abhält, muss erst noch erfunden werden!

Einzig, die von Funny van Dannen so genannte „Herzscheisse*“, hält mich vom Schlafen ab. Nicht immer, aber wenn, dann richtig! Da werfe ich mich hin und her und her und hin, schalte den Fernseher an und wieder aus, fresse den Kühlschrank leer, stöpsel mein DJ-Equipment zusammen, erfreue damit meine Nachbarn und bin von mir selbst genervt. Habe ich mich dann doch irgendwann müde geglotzt, gefressen, gedeejayt und genervt, schlafe ich irgendwann am Morgen ein. Dass dem heute so war, ist nun auch nicht weiter schlimm; muss ja erst ab späten Nachmittag arbeiten.

Heute, allerdings, hat der Heizungsableser mir einen dicken Strich durch meine Rechnung gemacht! Als er in furchtbarer Frühe (9:00 Uhr) an meiner Wohnungstür klingelte, fuhr ich, wie vom Defibrilator gestochen, aus meinen Träumen, stolperte, nur mit einem T-Shirt und Socken bekleidet (Sorry, dass ich im Bett Socken trage, aber es ist immer noch Winter!), auf der Suche nach meinem Bademantel ins Bad, finde irgendwie in das Ding hinein, bedecke meine Behaarten Schenkel und eine morgendliche Halberektion, und öffne dem Herrn Ableser mit wirrem Haar und zerknautschtem Gesicht die Pforten zu meinem Neuköllner 40-Quadratemeter-Paradies.

„Juten Morjen, Herr Irmbach-Lichterkett!“ brüllt mir ein klein gewachsener Eingeborener mit Latzhose in die schlaffaltige Visage und begehrt Einlass. „Öhm… Morgen. Auf sie habe ich schon gewartet.“ entgegne ich dem Herrn, und verlasse bereits mit dem ersten Satz des Tages den Pfad der Wahrheit. „Ja! Dit seh‘ ick!“ brüllt der Herr zurück, und setzt deeskalierend hinzu „Kann ja ma‘ vorkommen, wa!? Jestern een zu viel jehabt, wa!?“.

Dafür liebe ich die Eingeborenen: brüllen einem schon am frühen Morgen ungeschönt ins Gesicht, was sie denken. In der Annahme, ich könnte mein Zimmer schnell noch etwas besuchsfreundlich gestalten, leite ich Herrn Ableser zunächst ins Bad und haste in mein Zimmer. Mittlerweile habe ich sogar mein Hirn hochfahren können und unterziehe meine Behausung einer raschen Prüfung. Das Ergebnis der optischen Prüfung rät mir, wenigstens die voll gerotzten Taschentücher vom Boden zu sammeln und, zu hoffen, dass der Ableser die herumliegenden Socken, die Turnschuhe, die Westernstiefel, die leeren Flaschen, das Mischpult, den vollen Aschenbecher, den Staubsauger mitten im Raum, die Klamotten, die Kabel und all das, was sonst noch so da liegt, wo es nicht hingehört, übersieht… Die olfaktorische Prüfung ergibt, dass hier ein Mann in den besten Jahren, eine Nacht lang geraucht und ausgedünstet, und seit zwölf Stunden das Fenster nicht geöffnet hat. Ich stürze zum Fenster, die morgendliche Halberektion hat zur normalen Pimmeligkeit zurück gefunden und ist noch immer wirksam bedeckt, und reisse es auf. Es schneit und ist kalt. In meinem Kopf aktiviert sich, völlig unpassend, die Eitelkeits-Routine und sagt: „Westernstiefel kannste heute vergessen!“

Nun stehe ich in meinem Zimmer und habe Westernstiefel im Kopf und Gelumpe am Boden, als Herr Ableser das Zimmer betritt. Ein „Kann ja ma‘ vorkommen, wa!“ vor sich hin murmelnd, wühlt er sich durch meine einzige Zimmerpflanze, die zu einem Drittel aus toten Blättern besteht, liest zügig dieses Ding ab, gibt mir irgend einen Wisch, lässt mich einen zweiten unterschreiben und verlässt „Kann ja ma‘ vorkommen, wa!“ brüllend die Wohnung.

Nun stehe ich hier, nur mit T-Shirt, Socken und einem Bademantel bekleidet, und habe eine unbestimmbare Angst vor dem Rest des Tages. Ich zögere kurz, stolpere über ein Paar Westernstiefel und gehe wieder ins Bett.

 

Der Tag ist noch nicht zu Ende. Ergo: Fortsetzung folgt.

 

*ich habe absolut nichts gegen „Herzscheisse“. Hie und da möchte so ein Herz halt mal ausgeschüttet werden. Dass ich davon nicht schlafen kann, dafür kann die „Herzscheisse“ nun auch nichts.

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