Aufbruch?! Aufbrechen!?

Aufbrechen? Das macht man doch alle Nasen lang. Ich, zum Beispiel, bin vor genau neunundvierzig Minuten aufgebrochen. Und zwar aus meinem Bett. Die Zahnbürste ließ ich Zahnbürste sein, weil ich es hasse wenn sich der Zahncremegeschmack in den meines Kaffee schleicht. Das schmeckt widerlich! Der fade Geschmack der Nacht lässt sich angenehmer mit zwei Tassen Kaffee und zwei Zigaretten beseitigen. Die Zähne putz ich mir danach.
Heute breche ich etwas hektischer auf als Gewöhnlich. Zu Espresso und Kippe gilt es bei mir immer zunächst die Nachrichtenlage zu checken. Der Nachrichtenlagencheck findet grundsätzlich online statt. Ich habe keine Zeitung abonniert, dafür jede menge Blogs. Und selbst wenn, ich hätte nicht die geringste Lust achtzig Stufen zum Briefkasten hinab zu steigen um dann selbige umgehend wieder zu erklimmen. Frühsport? Wo kommen wir denn da hin?! Und wenn ich einmal die Muße finde, im Café an der Ecke bei Milchkaffee und Croissants einmal die Zeitung zu lesen, habe ich als Zwonuller und bekennender Informations-Junkie, oft den Gedanken „Das hab ich doch gestern schon gelesen…“.

Mit Druck auf die Funktionstaste 12 überprüfe ich die Wetterlage. Jetzt mag das ein, oder andere Lesemenschlein einwenden „Mönsch, Irmbach-Lichterkett! Kuck doch aus dem Fenster!“. Wieso sollte ich das machen, Lesemenschlein? Da ist seit über sieben Jahren der immer gleiche Hinterhof, der immer gleiche Lärm und die immer gleiche Not in Sachen Parkplätze fürs Fahrrad. Nur das Wetter ändert sich. Nee, nee! Meine Vorhänge bleiben geschlossen! Da sie weiss sind, kommt mehr als genug Licht in meine bescheidene Wohnung. Veränderungen im Hof nehme ich noch früh genug wahr, denn meistens bin ich irgendwann gezwungen die einundachtzig Stufen hinab zu steigen. Oft um Nahrung zu suchen, einer Arbeit nach zu gehen, oder auch nur um eine Schankwirtschaft zu besuchen.
Ich schweife ab. Nach eben dem Druck auf die Funktionstaste 12, sagt ein gelbes, virtuelles Klebezettelchen mir, dass mir noch etwas mehr als zwei Stunden bleiben, um mit einer Schreiberlingfreundin zu telefonieren, Kaffee zu kochen, Zigaretten zu drehen und endlich mal (zum ersten Mal) die Chefredaktion anzurufen…
Glücklicherweise ist die erfreulich freundliche Kollegin in der Chefredaktion sehr kulant, und erlaubt mir meinen Aufsatz zum Thema „Aufbruch“, statt um 12:00 Uhr, um 15:00 Uhr abzuliefern. Das gibt Luft zum Prokrastinieren. Darauf verzichte ich jedoch ausnahmsweise, da die Schreiberei gerade recht gut aus der Hand, und direkt in die Tastatur geht. Ob sie dabei den Umweg über das Gehirn nimmt, sehen wir dann.
Nun gut! Dieses Magazin erscheint, soweit ich weiß, im Raum Osnabrück. Da habe ich fast sechzehn Jahre gewohnt. Vor über sieben Jahren standen in Osnabrück die Weichen denkbar dämlich. Mein Mitbewohnervermieter hatte die Raten für die gemietkaufte Wohnung quasi durch die Nase gezogen statt sie zu überweisen, was einen Umzug erforderte. Für vier Monate musste ich direkt am Stadion unter einer Nazi-WG hausen. Die Frau, in die ich verknallt war, kam nicht von ihrem komischen Exfreund los, schlief aber trotzdem mit mir. Da ihr Ex gleichzeitig mein Chef war, war ich auch meinen Job los. Was, zum Geier, sollte mich also noch in Osnabrück halten? Viele liebe Freunde hatten sich im Laufe der Jahre nach Sonstwo (Hamburg, Köln, Berlin) getrollt. Was sollte ich noch hier? Nach einer langen, wüsten Abschiedsparty im Tiefenrausch und circa zwei Stunden Schlaf setzte ich mich also, von zwei Kumpels begleitet, in äußerst fragwürdigem Zustand, an das Steuer eines gemieteten Transporters und brach mit Zweihundert Euro in der Tasche auf nach Berlin. Auf, in eine völlig ungewisse Zukunft.

Schnell ist man mit der Behauptung zur Stelle, Osnabrück sei ein Kaff. Ich kann das so nicht bestätigen. Klar, wohin man auch geht, egal, welche Bar oder welcher Club, irgendwen kennt und trifft man immer. Das nervt mitunter gewaltig! Doch ich behaupte hier, der Mensch braucht sein Kaff. Ich zum Beispiel, mache aus Berlin mein ganz persönliches Kaff. Gepfiffen sei auf die Anwesenheit eines von Stardirigenten dirigierten Orchesters! Gepfiffen sei aufs Berghain und erst recht pfiff ich auf die Bar 25! Mein freizeit- und ausgehmäßiger Aktionsradius beträgt hier gerade mal zwei Kilometer. Nun habe ich das Glück (?), nach drei Wohnungen innerhalb eines Jahres, im frisch gentrifizierten Nord-Neukölln zu wohnen. Da muss ich zur nächsten netten Bar nur drei Mal lang hinschlagen. Zur bunten Rock’n’Roll-Welt der Wiener Straße brauche ich nur zehn Minuten und zu der Bar, die ich als mein Wohnzimmer bezeichne, fünfzehn Minuten. Kultur und dergleichen purzeln mir dabei alle zwanzig Meter über den Weg. Nun kommt es jedoch vor, dass auch ich mal in Mittefriedrichshainprenzlauerberg gesichtet werde. Die Reise dort hin empfinde ich ähnlich aufwendig, als würde ich von Osnabrück nach Bielefeld oder Münster fahren. Den Hinweg bewältige ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Und da beginnt das Elend.
Der elfjährige Heroindealer, der kürzlich die Sommerloch-Schlagzeilen der Revolverblätter beherrschte, wirkte lange auf „meinem“ U-Bahnhof. Wenn man wissen möchte, weshalb die Medien nicht müde werden, Nord-Neukölln als Problem-Stadtteil darzustellen, setze man sich am Hermannplatz oder in der Schönleinstraße in die U-Bahn. Da wird bereits auf dem Bahnsteig gesoffen, gedrückt, gepöbelt, geschnorrt und genervt, dass es eine sehr fragwürdige Wonne ist. In der Bahn ist es nicht viel anders. Allein die Fluchtmöglichkeiten sind mehr als begrenzt. Aus Mobiltelefonen plärrt unerträgliche Musik als sei der Kopfhörer noch nicht erfunden worden, einer quält ein Akkordeon und will noch Geld dafür, neben mir sitzt ein Dönerschlinger und verbreitet Geruch. Mit auswendig gelernt klingendem Text will mir jemand eine Obdachlosenzeitung verkaufen oder zumindest eine kleine Spende für seinen Hund haben. Die stinkende Kampftöle ohne Maulkorb und rosa Anus liegt mitten im Gang. Ein Typ mit Rastas, Rucksack und Jonglierkeulen findet, dass sein Fahrrad in einem überfüllten Wagon nicht weiter stört und kürzlich ist mir, ungelogen!, sogar der am übelsten riechende Mensch der Welt begegnet. Das Gerenne beim nächsten Halt hättet ihr sehen sollen! Ich selber hatte „meinen“ Bahnhof fast erreicht, und hätte mich fast auf die sehr belebte Straße übergeben.
Es ist also unbedingt ratsam den Rückweg mit einem Taxi zu bewältigen. Das geht etwas schneller, ist aber nicht unbedingt besser und kostet im Schnitt fünfzehn Euro. Komischerweise arbeiten an Tagen, wo man nach durchzechter Nacht ins Taxi stolpert, nur Fahrer, die über ein enormes, ja pathologisches Redebedürfnis verfügen. Da wird ohne Punkt und Komma drauf los gequakt, dass einem die Ohren klingeln. Da hilft es auch nicht, sich nach hinten zu setzen und nur mit Gebrumm zu antworten.
Schlimm wird’s, ist man durch wirtschaftliche Unbilden gezwungen, auch am Morgen oder Vormittag die Bahn zu nehmen. Dort tauchen dann die von mir so genannten U-Bahn-Pomeranzen auf. Diese matronenartigen Gestalten der Gattung Weib hatte ich in einem älteren Aufsatz in diesem Blog schon einmal behandelt. Diese Matronen kommen immer aus Spandau. Dem Nichtberliner sei hier erklärt, dass Spandauer sich nicht zu Berlin gehörig fühlen, jedoch eine große Freude daran zu haben scheinen, den Insassen Berlins ohne Unterlass zu piesacken. Der Berliner Eingeborne höhnt dazu nur „Spandauer war’n schon immer schlauer!“.
Die U-Bahn-Pomeranze hat grundsätzlich eine praktische, aber abscheuliche Kurzhaarfrisur (gerne zweifarbig), Wasser in den Füßen, die sie gerne in beiges Schuhwerk aus dem Orthopädie-Fachhandel quetscht. Sie ist Inhaberin eines überdurchschnittlich breiten Gesäßes und immer mit einer KaDeWe-Stofftasche bewaffnet in der sie, wie ich vermute, lediglich Damenbinden und ein Rätselheft spazieren fährt. Nach meinen sporadischen Beobachtungen befahren sie am liebsten die Linie 7 von Rathaus Spandau nach Rudow. Und zwar von morgens bis mittags die gesamte Strecke hin und her, nur um mit ihren breiten Hintern die Sitzplätze zu belegen. Garstige Frauenzimmer! Musste man dann acht Stationen lang im Gedränge stehen und darf die Bahn endlich verlassen, darf man sich sicher sein, dass irgend ein HipHop-Löffel gerade einem Herrn um die fünfzig, der aufs Nichtrauchen auf dem Bahnsteig hinwies, entgegen brüllt „Ey, Alta! Isch ficke nisch nur deine Mutta und disch, isch ficke deine ganze Generation!“.

Wie gesagt, der mutmaßliche Nichtraucher war um die fünfzig. Nehmen wir mal an, seine Mutter ist also circa fünfundsiebzig. Da möchte man sich nur ungern vorstellen, wie der fünfzehnjährige HipHop-Löffel erst eine fünfundsiebzigjährige Dame, dann einen fünfzigjährigen Herrn und anschließend dessen gesamte Generation fickt…
Sei’s drum! Hier hin bin ich aufgebrochen und hier breche ich jeden Tag aufs Neue auf. Ich bereue es nicht! Ich finde es herrlich hier zu leben! Und ich halte es für gut, aufzubrechen. Aufbrechen heißt, etwas hinter sich zu bringen. Sei es das Bett, Osnabrück oder, nicht erwiderte Verknalltheit oder wasauchimmer. Aufbrechen schließt eine Rückkehr an den Ort oder Zustand des Aufbruches nicht zwangsläufig aus. An Orte und Zeitpunkte nicht erwiderter Verknalltheit möchte man jedoch auf keinen Fall zurück. Aufbruch ohne Wiederkehr ist hier angesagt, aber so was von!
Mit diesem Aufsatz bin ich Teil eines kollektiven Aufbruchs. Über das Kollektiv weiß ich so gut wie nichts. Ich kenne lediglich zwei Personen die beteiligt sind und mit einer weiteren habe ich eben gerade mal eine Minute lang telefoniert. Das macht nichts. Ich habe hier einen kleinen, persönlichen Aufbruch. Ich breche auf, aus meinem Lebens- und Blog-Alltag in etwas Neues, Ungewisses und hoffentlich Gutes. Das ist spannend und fügt sich nun ein, in eben diesen kollektiven Aufbruch.

Hinweis: Diesen Beitrag habe ich vor circa zehn Monaten geschrieben. Er sollte ursprünglich in einem Magazin erscheinen, das sich je Ausgabe komplett einem Thema widmet. Da ich jedoch in diesem Jahr nichts positives über ein tatsächliches Erscheinen gehört habe und keine Beitragshalde anlegen will, bekommt ihr Lesemenschlein ihn nun hier zu lesen.

Advertisements
  1. No trackbacks yet.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: